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2016-08-14 13:49

"Bottled Life" erneut auf ARTE TV

Am Dienstag, 16.8., wiederholt ARTE um 20.15 Uhr noch einmal „Bottled Life“ aus dem Jahr 2012. Zeit für eine Zwischenbilanz.

 

Die im Film geäusserten Vorwürfe gegenüber Nestlé, dem grössten Flaschenwasserkonzern der Welt, bleiben im Grundsatz bestehen. Hingegen hat sich die Situation in einem im Film gezeigten konkreten Fall verbessert. Die Dorfbevölkerung hinter der Abfüllfabrik von Sheikupura in Pakistan hatte sich beklagt, Nestlé grabe dem Dorf das Wasser ab und gebe nichts zurück. Im Anschluss an die Erstveröffentlichung des Film nahm der Schweizer Konzern Stellung und sagte, man „sei daran, eine Wasserstation für die Bevölkerung zu bauen“.

Recherchen eines Mitarbeiters vorort ergeben nun, dass Nestlé diese Wasserstation für die Bevölkerung installiert hat. Umar Hayat, ehemaliger Gemeinderat von Bhatti Dilwan, sagt, das Wasser sei gratis erhältlich und die Versorgung sei genügend. Er wünscht sich aber „eine Verstärkung des Wasserdrucks“ und „eine raschere Sicherstellung von Reparaturen“, da die Station nicht immer fehlerfrei laufe.

 

Dass Nestlé rund um seine Flaschenwasserfabriken in Drittweltländern für die umliegende Dörfer sicheres Wasser gratis zur Verfügung stellt, ist das mindeste, dass man erwarten darf. Wir als Produzenten von „Bottled Life“ meinen: Solches Verhalten sollte nicht erst nach jahrelangen Forderungen der direktbetroffenen Bevölkerung und aufgrund des öffentlichen Drucks von Film- oder Medienberichten erfolgen. Vielmehr gehört solches automatisch zum Wohlverhalten eines modernen Weltkonzerns hinzu. Vor allem, wenn man sich, wie Nestlé, das Prinzip des „Creating Shared Value“ auf die Fahnen schreibt.

Irritierend bleibt, wie Nestlé weiterhin aggressiv nach neuen Quellen Ausschau hält. Nicht nur in Afrika, Asien oder Südamerika, sondern auch im grössen Markt der Welt, in den USA. Zahlreiche Vorfälle zeigen dies:

  • die seit Jahren laufende Auseinandersetzung um eine Quelle in Fryeburg, Maine

  • der Streit in wasserreichen Gebieten in den Bundesstaaten Oregon, Pennsylvania und Washington

  • die Haltung Nestlés während der Jahrhundert-Trockenheit von 2015 in Kalifornien

  • die Rolle Nestlés im Trinkwasserskandal von Flint/Michigan

Immerhin gibt es in einzelnen Fällen auch Gutes zu berichten. Im Mai dieses Jahres hat in Cascade Locks in Oregon das Volk gegen Nestlé gewonnen. Erstmals entschieden Stimmberechtigte an der Urne, ob der Multi eine Flaschenwasseranlage betreiben darf oder nicht. Das Votum lautete klar NEIN.

Siehe dazu: http://inthesetimes.com/rural-america/entry/19150/voters-in-oregon-defeat-nestles-attempt-to-privatize-their-water

2016-07-25 09:23

Nestlé will nicht lernen

Erneut schlichen sich Nestlé-Wasserspezialisten in einer kleinen Gemeinde ein und begannen mit Arbeiten zum Testen von kommunalen Wasservorkommen. Die Bevölkerung des kleinen Städtchens Waitsfield im US-Bundestaat Washington wurde am Tag der Aufnahme der Nestlé-Vorarbeiten mit einem dürren Communiqué informiert. Den Deal mit Nestlé hatte der Bürgermeister per klammheimlichen Handschlag gemacht.

 

Mitte Juni waren die Mitglieder des City Councils (der Stadtregierung) an ihrer monatlichen Sitzung über die Pläne von Nestlé informiert worden. Nestlé will im Städtchen eine grosse Flaschenwasserfabrik. Die Bevölkerung wurde über das 50-Millionen-Dollar-Projekt nicht informiert.

 

Die am 19. Juli gestarteten Vorarbeiten erwischten sogar die Mitglieder des City Councils auf dem falschen Fuss: „Da sind wir nun, und Nestlé fummelt mit undefinierbaren Arbeiten an unseren Wasservorkommen herum“, sagte KC Kuykendall an der Versammlung des City Councils vom 21. Juli. Kuykendall, selber Council-Mitglied, hatte für das Vorgehen des Bürgermeisters harsche Worte übrig: „Ich verstehe nicht, warum Sie, Bürgermeister, diesen Weg beschreiten. Wir wurden letzten Monat über diese Arbeiten komplett im Dunkeln gelassen.“

 

Der verärgerte Rat überwies darauf einen sofortigen Baustopp für Nestlé. Zuerst soll nun eine Gemeindeversammlung einberufen und die Bevölkerung eingehend informiert werden. Nestlé-Vertreter werden nicht eingeladen. Wie es mit den Nsetlé-Plänen weitergeht, ist offen.

 

Quelle: union-bulletin.com Walla Walla, http://www.union-bulletin.com/news/local_governments/waitsburg/waitsburg-residents-bristle-at-nestle-s-exploration/article_fc5c593e-4f6e-11e6-95aa-a7c23ab0469d.html#comments)

 

Das Vorgehen von Nestlé in Waitsburg, Washington, ist nicht neu. Unser Film „Bottled Life“ von 2012 zeigt ähnlich klammheimliches Vorgehen Nestlés auch im Bundesstaat Maine auf. Nestlé liegt seit Jahren mit zahlreichen US-Gemeinden im Clinch.

 

2015-07-07 10:13

Managerin kämpft gegen Nestlé

Nach jahrelangem Kampf gegen Nestlé bekommt die ex Konzernmanagerin Yasmine Motarjemi den Weltkonzern nun vor ein Schweizer Gericht. Die Akten geben einen tiefen Einblick in die Führungskultur des Unternehmens.


Die Zeitungen Tages-Anzeiger/DER BUND hatten Einsicht in die Klageschrift. In ihrer Ausgabe vom 7.7.15 schreiben sie:

Es geht um eine Mobbing-Klage, die Yasmine Motarjemi gegen die Nestlé-Tochter Nestec SA eingereicht hat, nachdem sie vom Konzern im Januar 2010 entlassen worden war. Die dem Bezirksgericht Lausanne angegliederte Kammer für vermögensrechtliche Angelegenheiten des Kantons Waadt teilte am 25. Juni dem Konzern mit, sie erwarte den CEO und weitere hohe Nestlé-Kader am 16. Dezember zu einer Anhörung. Nebst Bulcke verlangt das Gericht auch das Erscheinen von José López, Generaldirektor für Konzernoperationen, Jean-Marc Duvoisin, CEO von Nespresso und ehemaliger Nestlé-Personalchef, sowie von Francisco Castañer, bis 2010 Generaldirektor mit Verantwortung für Personal und Administration. Gerichtspräsidentin Katia Elkaim bestätigte die Zeugenbefragung. Die Anhörung dürfte öffentlich sein, vorausgesetzt das Gericht rückt nicht von seinen Gepflogenheiten ab.

 

Nestlé weist die Mobbing-Vorwürfe zurück. Eine Erklärung, warum die Managerin während Jahren hochgelobt und dann fallengelassen wurde, gibt der Konzern nicht. Im Jahr 2000 war die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) abgeworbene Spezialistin für Nahrungsmittelsicherheit konzernintern als «Expertin mit internationaler Reputation» präsentiert worden. Die im Iran geborene Frau hatte international Karriere gemacht: Dem Studium in Frankreich folgte ein Doktorat in Schweden, später das Engagement in Genf bei der WHO. Tages-Anzeiger/BUND zum Nestlé-internen Werdegang:

In der konzerneigenen Lebensmittelkontrollstelle, wo sie als Food-Safety-Manager tätig war, fehlte es nicht an Arbeit. 2001 warnte Motarjemi, dass Babynahrungsprodukte zu hohe Dosen der Vitamine A und D enthielten. 2002 standen Babybiskuits von Nestlé in Frankreich in Verdacht, bei Säuglingen Erstickungsanfälle auszulösen. Yasmine Motarjemi wollte die Produktion stoppen, um den Vorfällen auf den Grund zu gehen. Am Ende einigte man sich darauf, eine andere Mehlsorte zu benützen und das Mindestalter für den Konsum der Biskuits von 8 auf 15 Monate zu erhöhen. 2005 kam es zu einem weiteren Vorfall: Bei Nestlé-Babynahrungslösungen in Italien wurden Spuren der Tintenchemikalie ITX gefunden. Sie stammten von den Ver­packungen. Bis Ende 2005 beurteilten die Vorgesetzten Yasmine Motarjemis Leistungen gemäss mehrerer Beweisstücke stets mit «weit über den Erwartungen», obwohl sie kein Pflichtenheft hatte, ihr Tätigkeitsfeld für die Nahrungsmittelsicherheit also nicht genau definiert war.

 

Das Zerwürfnis mit Nestlé begann 2006, als die Abteilung Qualitätsmanagement in der Konzernzentrale in Vevey VD und damit auch Yasmine Motarjemi einen neuen Chef bekam. R. S. kam als Qualitätsmanager von Nestlé Frankreich nach Vevey. Die beiden waren in der Affäre um die Kinderbiskuits bereits einmal wegen Meinungsverschiedenheiten aneinandergeraten. In der ersten Leistungsbeurteilung stellte R. S. seiner Untergebenen ein miserables Zeugnis aus. In der Klageschrift heisst es, R. S. habe für staatliche Lebensmittelkontrolleure, aber auch internationale Organisationen wie die WHO wenig Respekt gehabt. R. S. soll Yasmine Motarjemis Vorschlag zur Verbesserung der Sicherheit eines Produktes in einem Schulungsvideo mit den Worten «Quack Quack der WHO» bezeichnet haben. Gemäss Aussagen der Klägerin habe R. S. sie gegenüber Mitarbeitern ständig herabgesetzt, diskreditiert, ihr kontinuierlich Verantwortung entzogen, Aufgaben an ihr Unterstellte delegiert und am Ende ihr siebenköpfiges Team aufgelöst. Schliesslich sollte die ahnungslose Motarjemi versetzt werden. Sie wehrte sich und gelangte bis an die oberste Führung. Sie informierte Nestlé-CEO Paul Bulcke, und ihr Dossier gelangte gar auf das Pult von VR-Präsident Peter Brabeck-Letmathe. Doch der Wunsch nach einer Administrativuntersuchung wurde negiert. Tages-Anzeiger/BUND weiter:

 

Nestlé kündigte Yasmine Motarjemi im Januar 2010 und bot ihr 300'000 Franken Abgangsentschädigung an. Sie lehnte ab. Zwar publizierte sie danach eine Enzyklopädie für Nahrungsmittelsicherheit, gab in den USA einen preisgekrönten Führer für die Sicherheit in der Nahrungsmittelindustrie heraus, schreibt Artikel für wissenschaftliche Zeitschriften und tritt bei UNO-Organisationen und an Anlässen des Europarats regelmässig als Expertin auf, doch die ehemalige Kaderfrau fühlte sich von Nestlé gedemütigt, wirkt bis heute erschöpft und kämpft mit psychischen Problemen. Dafür macht sie Nestlé verantwortlich und verlangt vom Konzern eine moralische Wiedergutmachung von einem symbolischen Franken. Darüber hinaus soll Nestlé 2 Millionen Franken für verlorene Gehälter bis zur ordentlichen Pensionierung im Jahr 2019 und 100'000 Franken Kostenentschädigung für medizinische Behandlungen zahlen.

 

Affaire à suivre.